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Zielgruppen
Geflüchtete Frauen mit guter Bleibeperspektive

Weibliche Flüchtlinge: Warum sie zum Motor im Integrationsprozess werden können - Voraussetzungen, Einstellungen und Ambitionen geflüchteter Frauen in Deutschland

Rund ein Drittel der Geflüchteten, die 2015/16 nach Deutschland kamen, sind Frauen. Über sie ist bislang wenig bekannt und Hilfs- und Unterstützungsangebote erreichen sie seltener. Im Rahmen der Landesinitiative Netzwerk W(iedereinstieg), gefördert vom Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung (MHKBG), ist eine umfassende qualitative Untersuchung zur Lebenssituation von weiblichen Geflüchteten mit guter Bleibeperspektive durchgeführt worden. Das Netzwerk W im Rhein-Erft-Kreis hat die Ergebnisse der Pilotstudie vorgelegt. Sie liefert zudem grundlegende Informationen für die Entwicklung von gezielten Integrationsangeboten und gibt eine Reihe von Handlungsempfehlungen für die am Integrationsprozess beteiligten Akteure.

 

Hohe Orientierung auf Bildung und Berufstätigkeit – Wunsch nach Kontakt zur deutschen Bevölkerung

Im Fokus der von Netzwerk W geförderten Untersuchung: Welche Voraussetzungen, Einstellungen und Ambitionen bringen weibliche Geflüchtete mit, wie ist ihre Bedarfslage, welche Unterstützung benötigen sie für eine erfolgreiche, zielgerichtete Integration in Gesellschaft und Arbeit.

Die Ergebnisse überraschen mitunter und zeigen: Die Orientierung auf Bildung und Berufstätigkeit ist hoch und für fast alle Befragten, darunter die Hälfte Mütter, selbstverständlich. So wollen 94 Prozent der Frauen arbeiten. Viele bringen dafür gute Bildungsvoraussetzungen mit, verfügen über Berufserfahrung, wollen sich qualifizieren und sind nicht zuletzt hochmotiviert. Berufstätigkeit verstehen sie als Voraussetzung für wirtschaftliche Unabhängigkeit.

Neben raschem Spracherwerb und besseren (bislang wenig oder kaum vorhandenen) Zugangsmöglichkeiten zu Angeboten, auch zu ehrenamtlicher Unterstützung, werden vor allem Kontakte zur deutschen Bevölkerung gewünscht – und vermisst.

Mit Blick auf die Entwicklung von gezielten Integrationsangeboten lassen sich drei Gruppen von geflüchteten Frauen identifizieren:

  • Die Durchstarterinnen: Die erste und größte Gruppe (über die Hälfte) ist hochmotiviert und würde alles tun, um eine Arbeit zu bekommen. Zu der Gruppe gehören vorwiegend junge, gut gebildete und selbstbewusste Frauen aus städtischen Herkunftsgebieten, die Religiosität spielt bei ihnen eine untergeordnete Rolle.
  • Die Verhaltenen: Die zweite Gruppe macht ein Drittel aus und zeigt sich etwas eingeschränkter. Sie möchte nur am Wohnort arbeiten oder in bestimmte Städte ziehen, um dort in der Nähe der Familie oder von Verwandten zu arbeiten. Zu dieser Gruppe gehören Frauen mit Kindern oder größeren Familien und einfacherem oder mittlerem Bildungsstand. Die Religion spielt keine dominante Rolle. Das Alter ist gemischt.
  • Die religiös Gebundenen: Die dritte Gruppe ist klein (knapp 15 Prozent) und eint eine starke Religiosität. Die Frauen zeigen sich flexibel hinsichtlich Arbeitszeiten, Fahrtzeiten oder Umzug, aber nicht bei religiösen Aspekten, wie Kopftuch tragen oder regelmäßigem Beten. In dieser Gruppe sind hinsichtlich Alter und Bildungsniveau alle Kategorien vertreten.


„Es macht Sinn, Erhebungen speziell zu Frauen durchzuführen“
Hilde Mußinghoff, Netzwerk W-Koordinatorin im Rhein-Erft-Kreis und Leiterin der von innovaBest durchgeführten Studie: „Überrascht hat uns das hohe Bildungsniveau und die hohe Arbeitsmotivation der Befragten, damit hatten wir nicht gerechnet. Unsere Ergebnisse belegen, dass es Sinn macht, Erhebungen speziell zu Frauen durchzuführen. Sichtbar wurden Unterschiede zwischen Männern und Frauen, so hat etwa die berufliche Ausbildung für Frauen einen deutlich höheren Stellenwert als für Männer, die eher umgehend Geld verdienen möchten. Unsere Studie zeigt jede Menge Handlungsbedarf, aber auch, wie viel Potential die geflüchteten Frauen mitbringen. Bei einer rechtzeitigen und gezielten Förderung, bin ich überzeugt, können diese Frauen der Motor im Integrationsprozess hier sein. Doch bisher scheint bei der Integration von geflüchteten Frauen zu gelten: Bitte hinten anstellen.“

Im Rahmen der Pilotstudie wurden mit Hilfe von Dolmetscherinnen insgesamt 40 leitfadengestützte Interviews geführt. Teilnehmerinnen waren geflüchtete Frauen, die aufgrund des Herkunftslandes eine hohe Bleibeperspektive haben. Die Frauen waren zwischen 18 und 50 Jahre alt, fast die Hälfte war verheiratet und über die Hälfte waren Mütter. Unter den Befragten wäre – nach deutschen Vorstellungen – gut ein Drittel als alleinerziehend einzustufen. Allerdings war der Begriff den befragten Frauen nicht geläufig, denn nach der Scheidung behält die Familie des Ehemanns Einfluss auf die Kinder. Getrennt lebende Frauen wollen daher unbemerkt bleiben und vermeiden die Kommunikation vor allem über soziale Medien, die ansonsten via Smartphone häufig genutzt werden.

Die Pilotstudie steht als Langfassung und als Netzwerkreport mit einer Kurzfassung zum Herunterladen bereit.