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Themendossier Kooperation stärken

Wiedereinstieg und Studium
„Nach der Familienpause den Faden zum beruflichen Wiedereinstieg finden“

OPTION HOCHSCHULE„Women Back to Business“: Beate Ratzka absolvierte an der Executive School of Management der Universität St. Gallen einen Zertifikatskurs zum beruflichen Wiedereinstieg. Auf einer Veranstaltung des Netzwerks Wiedereinstieg an der Hochschule Rhein-Waal referierte die promovierte Chemikerin zum Schweizer Programmangebot: Es gilt als bislang einzige Management‐Weiterbildung im deutschsprachigen Raum, die sich gezielt an Akademikerinnen wendet und den beruflichen Wiedereinstieg begleitet.

Beate Ratzka ist Wienerin und lebt seit 2004 in Norddeutschland bei Hamburg. Nach Abschluss des Kurses hat sie sich als Unternehmensberaterin selbständig gemacht. Sie arbeitet mit dem von ihr entwickelten Beratungsprogramm „EChO“, das Unternehmen bei der Umsetzung von Maßnahmen zur Chancengleichheit von Männern und Frauen und bei der Strategieentwicklung zur Erhöhung des Frauenanteils im Management unterstützt.

Management-Kurs für Wiedereinsteigerinnen an der Universität St. Gallen – Interview mit Dipl.Ing. Dr. Beate Ratzka

Was ist das Besondere an dem Programm „Women Back to Business“, was hat Sie bewogen daran teilzunehmen?

Dipl.Ing. Dr. Beate RatzkaDas Programm richtet sich gezielt an gut qualifizierte Frauen, die nach einer Familienpause zurück in den Beruf wollen. Gelehrt wird nicht nur Management-Wissen, der Veränderungsprozess wird auch durch Coaching begleitet, die Frauen sollen eine Plattform für den Wiedereinstieg bekommen.

Was mich bewogen hat, an dem Programm teilzunehmen, war vor allem die Tatsache, dass das Programm in Zusammenarbeit mit Unternehmen gestaltet wird. Dass also Unternehmen mitmachen, die – einfach gesagt – an Müttern interessiert sind und die ihnen die Möglichkeit zum konkreten beruflichen Einstieg geben wollen. Nach dem Umzug und der Familienphase hatte ich das Gefühl, im Nichts angekommen zu sein, da hat dieses Programm mir einfach die Möglichkeit geboten, ein Ende des Fadens zu erfassen, um weitergehen zu können.

Es gibt viele Wiedereinstiegsprogramme, aber nur wenige oder gar keine, die sich so gezielt an Akademikerinnen wenden. Das ist schon das Spezielle an dem Programm und die Universität St. Gallen füllt damit sicher auch eine Lücke.

Wie lief das Programm ab, welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Das Programm gibt es seit 2008 und ich gehörte zum zweiten Jahrgang. Damals nahmen knapp 20 Frauen teil, fast alle in einer ähnlichen Situation: Alle Frauen waren hochqualifiziert und hatten Berufserfahrung, oft war der Mann ins Ausland versetzt worden und die Frauen gingen mit. Viele haben die Familienphase schon als Karrierebruch empfunden und sie standen wie ich vor der Situation, sich beruflich ein komplett neues Netzwerk aufbauen zu müssen.

Das Weiterbildungsprogramm ist in Modulen aufgebaut, so dass man das einjährige Kurs-Programm familienbegleitend gut bewältigen kann. Die Unterstützung durch die Uni ist sehr engagiert, man lernt in der Zeit viele Leute kennen und bekommt Zugang zu Unternehmensnetzwerken. Die Unternehmen selbst gestalten Vorträge und bieten Praktika an. Den nicht ganz billigen Kurs unterstützen sie zum Teil mit Stipendien für die Absolventinnen. Ich persönlich hätte mir allerdings über die Praktika hinaus mehr konkrete Einstiegsangebote gewünscht. Im Nachhinein fand ich es gut, dass ich teilgenommen habe. Heute würde ich aber stärker in eine fachliche Richtung gehen und eher hier draufsatteln. Ein großes Plus ist auf jeden Fall, dass der Kurs mit einem Zertifikat abschließt. Im Bewerbungsprozess sind solche Dokumente, zumal von einer so renommierten Institution wie der Universität St. Gallen, schon enorm wichtig.

Sie sind promovierte Chemikerin, heute arbeiten Sie freiberuflich als Beraterin. Wie sieht Ihre persönliche Wiedereinstiegsgeschichte aus?

Beruflich war ich zuletzt Werksleiterin in einem Lebensmittel produzierenden Werk in Wien, das geschlossen wurde. Ich bin dann in die Familienphase gegangen und mit meinem Mann nach Hamburg gezogen. Insgesamt war ich etwa drei Jahre in der Familienpause, das ist schon eine recht lange Zeit. Zunächst habe ich mit meinem Mann zusammengearbeitet, der in der Lebensmittelbranche freiberuflich und beratend tätig ist. Ich wollte aber nicht länger als Anhängsel wahrgenommen werden und dachte, ich muss jetzt mein Eigenes machen, sonst wird das nichts. In dieser Situation ergab sich dann der Lehrgang in St. Gallen. Mein Mann hat das unterstützt und finanziell mitgetragen, was natürlich vieles erleichterte.

In St. Gallen habe ich meine Abschlussarbeit zum Thema Diversity gemacht, also ganz weg von Chemie und Produktion, hin zu einem eher ‚weichen‘ Thema. Meine Frage war u.a., wie Unternehmen die geforderte Quote von 30 Prozent Frauen im Management erreichen können. Dazu habe ich ein Modell entwickelt, dass ich dann auch bei der Deutschen Gesellschaft für Personalführung in einem Vortrag vorstellen konnte. Die Resonanz war sehr positiv und ich habe darüber die ersten Kunden akquirieren können, also Unternehmen, die mehr Frauen in Führungspositionen bringen wollen. Ich unterstütze sie jetzt bei der Entwicklung von Szenarien und Strategien, um solche Change-Prozesse umzusetzen. St. Gallen hat dafür den Anstoß gegeben

Eine besondere Hürde war für mich vor allem, dass ich mit dem Umzug nach Norddeutschland mein Netzwerk verloren hatte. Insofern sofern war der Wiedereinstieg für mich ein kompletter Neuanfang, das betrifft die Geografie ebenso wie die berufliche Situation. Ich musste das Ende des Fadens, von dem ich meine berufliche Entwicklung wieder aufrollen konnte, erst finden. In vieler Hinsicht ist es einfacher, wenn man nicht komplett aussteigt, und stattdessen dort weitermacht, wo man aufgehört hat. Aber das ist leider nicht immer möglich.

Mein Zukunftspläne? Ich will das weiterentwickeln, was ich derzeit mache. Ich hoffe, dass sich über das Netzwerk, das ich mir erarbeitet habe, neue Perspektiven ergeben. Ob ich mein Leben lang selbständig sein will, kann ich jetzt nicht sagen. Vielleicht ergibt sich doch die Chance, wieder in einem Unternehmen mitzuarbeiten. Vom Privaten her habe ich alle Möglichkeiten, meine Tochter wird größer und ich gewinne mehr Freiräume. In zwei, drei Jahren kann sich viel entwickeln. Im Moment genieße ich jedenfalls die Freiheit und Flexibilität als Selbständige, es hat Vorteile, nicht in ein festes Korsett gepresst zu sein. Es gibt eben immer zwei Seiten einer Medaille.