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Themendossier Unterstützung für Migrantinnen

Netzwerk W Bonn Migrantinnen als Wiedereinsteigerinnen in die Pflege gewinnen – Mentorinnen als Vorbild und Botschafterinnen

Herzlich Willkommen in der AltenpflegeMit dem Projekt „Herzlich Willkommen in der Altenpflege“ hat das Netzwerk W Bonn ein praxisnahes, persönlich orientiertes Ansprachekonzept entwickelt, um Migrantinnen für das Berufsfeld der Altenpflege zu gewinnen: Fachkräfte mit Migrationshintergrund werden als Mentorin geschult und bieten interessierten Migrantinnen einen Einblick in Beruf und Arbeitsalltag. Im Interview erläutert Edith Kühnle, Netzwerk W-Partnerin und Geschäftsführerin des Bonner Vereins für Pflege- und Gesundheitsberufe e.V., Konzept und Erfahrungen. „Die direkte persönliche Erfahrung ist für die Zielgruppe oft das entscheidende Moment und hilft Vorbehalte abzubauen.“ Das Projekt zeigt Wege zur Fachkräftegewinnung und lässt sich auch auf andere Kommunen oder Fachseminare zur Ausbildung von Pflegekräften übertragen. Dafür aber, so das Fazit der Projektleiterin, brauche man mehr „aufsuchende Netzwerkarbeit“.

 

Frau Kühnle, im Netzwerk W-Projekt „Herzlich Willkommen in der Altenpflege“ werben Sie für einen (qualifizierten) beruflichen Wiedereinstieg von Migrantinnen in der Altenpflege. Vor welchem Hintergrund haben Sie das Projekt entwickelt, wie können Zugangsbarrieren gerade für diese Zielgruppe überwunden werden?

Hilde Mußinghoff, innovaBest-Geschäftsführerin und Koordinatorin des Netzwerk W Rhein-Erft-KreisBei der Entwicklung des Konzepts kamen mehrere Aspekte zusammen: Etwa 20 Prozent der arbeitslosen Bonnerinnen und Bonner haben einen ausländischen Pass. Zugleich fehlen in den Einrichtungen der Altenpflege viele Fachkräfte. Als staatlich anerkanntes Fachseminar für Altenpflege haben wir außerdem festgestellt, dass wir hier in der Ausbildung bereits einen recht hohen Anteil von Frauen mit Migrationshintergrund haben. Für sie ist das oftmals nicht nur der Wiedereinstieg nach der Familienpause, sondern auch ein Wiedereinstieg nach erfolgter Migration. Viele Auszubildende haben dabei ganz unterschiedliche berufliche Hintergründe, manche sogar einen Universitätsabschluss.

Allerdings ist es so, dass der Beruf der Altenpflegerin oder Altenpflegehelferin gar nicht so schnell in Erwägung gezogen wird. Es gibt viele Vorbehalte und Zugangsbarrieren, warum Migrantinnen einer Pflegetätigkeit eher ablehnend gegenüber stehen. Allgemein ist das Image des Berufs nicht sehr positiv und beschränkt sich leider allzu oft darauf, dass Altenpflege nur Waschen und Essen-Anreichen bedeutet. Migrantenspezifisch sind zudem Ängste vorhanden, Tätigkeiten übernehmen zu müssen, die mit den eigenen kulturellen oder religiösen Hintergründen nicht zu vereinbaren seien. Viele Migrantinnen halten die Altenpflege auch für ein rein deutsches Problem und meinen, die eigene Community sei nicht betroffen, was natürlich längst nicht mehr stimmt.

Es gibt Kampagnen und Publikationen, um das Image des Berufs zu verbessern. Doch offensichtlich trifft das nicht den Punkt, um Vorurteile abzubauen und Neugierde zu wecken. Das sind jedenfalls unsere Erfahrungen und die von unseren Auszubildenden hier im Fachseminar. Wir haben sie gefragt, wie sie zu diesem Beruf oder Berufsweg gekommen sind. Ganz häufig war die Antwort, meine Tante, meine Mutter oder sonst jemand im Verwandten- oder Bekanntenkreis war oder ist in der Altenpflege aktiv. Diese Erfahrung haben wir für unser Projekt aufgegriffen und weiterentwickelt: Wir schulen Fachkräfte zu Mentorinnen, damit sie interessierte Migrantinnen über das Berufsfeld Pflege praxisnah und persönlich informieren können.

Welche Rolle haben die Mentorinnen, warum können sie besonders überzeugen?

Die Antwort lautet, wer könnte besser vermitteln und Botschafterin des Berufs sein als Frauen, die selbst in der Pflege tätig sind oder gerade eine Pflege-Ausbildung absolvieren und selbst Migrantin sind. Mentorin bedeutet daher, es sind Frauen, die nicht nur eine ähnliche Zuwanderungsgeschichte, sondern auch einen ähnlichen Erfahrungshintergrund haben. Oftmals haben sie sich beruflich neu orientieren müssen und sind in ein kulturell fremdes Berufsfeld (wieder-)eingestiegen. Zugleich sind sie ein lebendiges Beispiel dafür, dass es gelingen kann, Beruf und Kinder miteinander zu vereinbaren. Das ist viel unmittelbarer und überzeugender als jeder Flyer, jede Broschüre.

Unser Projekt baut darauf, dass die Mentorinnen interessierte Migrantinnen, die Mentees, unter ihre Fittiche nehmen und sie an ihrem Berufsalltag teilhaben lassen. An einem oder mehreren so genannten Schnuppertagen erleben die Mentees in Begleitung der Mentorin das Berufsfeld ganz realistisch und praxisnah. Zugleich gibt es Gelegenheit, Erfahrungen nicht nur über berufliche, sondern auch private Aspekte des Wiedereinstiegs auszutauschen.

Im Endergebnis haben wir insgesamt neun Mentorinnen in Einrichtungen der ambulanten und stationären Pflege gewinnen können, die sich am Projekt beteiligt und je ein oder zwei Mentees in ihren Berufsalltag mitgenommen haben. Und sie waren offensichtlich sehr überzeugend: Nach den Schnuppertagen gab es bei den Mentees kaum noch offene Fragen und die meisten wollten relativ schnell eine Beratung, wie sie in die Ausbildung einsteigen können. Eine Mentee hat gleich nach Abschluss des Projektes mit der Ausbildung beginnen können. Mit weiteren Mentees werden noch Gespräche geführt. Ein Knackpunkt ist leider immer wieder, dass die formalen Unterlagen fehlen, weil z.B. die Zeugnisse aus dem Heimatland nicht mehr vorhanden sind. Dann ist die Chance auf eine Ausbildung leider wenig realistisch. Hier würden wir uns wünschen, dass es die Möglichkeit gäbe, eine sprachunabhängige Kompetenzfeststellung durchzuführen, die mindestens dem hiesigen Hauptschulabschluss 9 entsprechen müsste und die selbstverständlich trägerunabhängig sein sollte.

Wie wurden die Mentorinnen geschult? Für die Qualifizierung gab es ein Zertifikat?

Wir haben zwei sehr intensive Schulungstage für die Mentorinnen angeboten, abschließend haben sie dafür ein Zertifikat als „Mentorin zur Gewinnung von Fachkräften für die Altenpflege“ erhalten. An diesen beiden Schulungstagen haben die Frauen ihr berufliches Selbstverständnis und ihren beruflichen Werdegang reflektiert, Tätigkeits- und Kompetenzprofile für den Beruf erstellt oder Unterschiede von ambulanter und stationärer Pflege herausgearbeitet. Eine weitere Unterrichtseinheit beschäftigte sich mit Präsentationstechniken und fand großes Interesse.

So ist eine sehr schöne Präsentation entstanden, um das Interesse und die Lust für den Beruf der Altenpflege zu wecken. Am Ende haben alle Mentorinnen gesagt, wir wissen, wie wir einen wirklich tollen Beruf präsentieren können. Wichtig war ihnen dabei, die Altenpflege nicht als Sackgasse darzustellen, sondern auf die vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten, etwa durch Weiterbildung oder Aufstiegsqualifizierungen, hinzuweisen.

Welche Erfahrungen und Erkenntnisse sind bei den Mentees angekommen? Konnten Vorbehalte ausgeräumt worden?

Ich denke, die Mentees haben in diesem Projekt wahrgenommen, dass die Altenpflege nicht nur ein attraktives Berufsfeld, sondern auch ein wichtiger wirtschaftlicher Absicherungsfaktor sein kann. Es ist ja ein Vorurteil, dass die Altenpflege nur schlecht bezahlt ist. Sicher trifft das auf der Hilfskraftebene zu. Aber wenn man eine Ausbildung hat, bewegt man sich im mittleren Einkommenssegment und hat solide Beschäftigungsperspektiven. Das hat viele Mentees motiviert, tatsächlich über Ausbildung nachzudenken und Sprachkenntnisse zu verbessern. Die wichtigste Erfahrung war aber sicher, dass die Mentorinnen Vorbild sind und ihnen gezeigt haben: Ihr habt Chancen, auch als Alleinerziehende, für euch und eure Kinder eine gute Zukunftsperspektive zu schaffen. Das denke ich, ist der entscheidende Motivationsschub, der hilft Vorbehalte abzubauen und Hürden zu überwinden.

Noch einmal nachgefragt: Warum kann gerade die Altenpflege für Migrantinnen ein geeignetes Berufsfeld sein, um beruflich wiedereinzusteigen?

Klar, gibt es den vielzitierten Fachkräftemangel und damit wachsende Jobchancen gerade in diesem Berufsfeld. Aber es kommt noch etwas hinzu: Migrantinnen haben oft ein besonderes Verständnis vom Umgang mit alten Menschen. Sie haben die Haltung, dass alte Menschen ein reiches Leben hatten und deshalb Respekt und Anerkennung verdienen. Das Stichwort Respekt ist in diesem Zusammenhang ganz wichtig. Nach meiner Erfahrung bringen das ganz viele Migrantinnen aufgrund der eigenen kulturellen oder religiösen Überzeugung einfach mit. Und genau darum geht es in der Altenpflege, nämlich alten Menschen mit Respekt zu begegnen. Insofern ist es eigentlich für jede Pflegereinrichtung ein Gewinn, wenn sie Migrantinnen als Pflegekräfte einstellen. Die Sprachprobleme sind dagegen leicht zu beheben.

In Ihrem Resümee plädieren Sie für mehr „aufsuchende“ Netzwerkarbeit“. Was verstehen Sie darunter? Wie wollen Sie die Ergebnisse weitertragen und nachhaltig verankern?

Das Fazit für uns ist vor allem, dass wir die Netzwerkarbeit verändern müssen, um das Konzept nachhaltig zu etablieren. Da ist zunächst bei den Netzwerk-Partnern anzusetzen, auch mit Blick auf neue Kooperationen. Das sind einerseits die Einrichtungen in der ambulanten und stationären Pflege, zum anderen die Organisationen, die mit Migrantinnen arbeiten, sowie städtische Einrichtungen und Wohlfahrtsorganisationen. Wir haben festgestellt, dass die Motivation, vor allem aber die Zeit nicht da sind, um zu Infoterminen und Veranstaltungen zu kommen. Also muss man es umgekehrt machen: Wir müssen auf die Netzwerk- und Kooperations-Partner zugehen und ihnen anbieten, wir kommen zu euch und stellen euch das Projekt vor. Ich nenne das aufsuchende Netzwerkarbeit und würde das zukünftig immer so machen.
Die Motivation der Mentorinnen weiterzumachen ist nach Abschluss des Projekts sehr hoch und dieses Potential wollen wir nicht einfach brach liegen lassen. Wir haben daher mit den Mentorinnen vereinbart, nach Möglichkeit eine weitere Mentoring-Runde durchzufahren und ihnen die Gelegenheit zu einem regelmäßigen Austausch und auch zu weiterer Fortbildung zu geben. Die Mentorinnen werden uns weiterhin unterstützen und uns beispielsweise auf Berufsmessen begleiten. Als Anerkennung werden wir ihnen dafür auch ein kleines Honorar zahlen.

Eine weitere wichtige Aktivität wird sicher sein, für die Einrichtungen, in denen die Mentorinnen arbeiten, das neu hinzugewonnene Potenzial der Mitarbeiterinnen sichtbarer und nutzbarer zu machen. Das heißt, die Mentorinnen verstärkt auch als Repräsentantin der Einrichtung und als Botschafterin des Berufsfeldes einzusetzen. Das wird nicht einfach, aber darüber wollen wir mit den Einrichtungen sprechen und ihnen den Zugewinn durch das Projekt noch einmal vorstellen.

Wir sind Mitglied im Paritätischen Wohlfahrtsverband und werden den Abschlussbericht auf jeden Fall den Fachberatern für die ambulante und stationäre Pflege zukommen lassen. In einem weiteren Schritt wollen wir dann im Rahmen von Netzwerk W gemeinsam überlegen, wie auf Landesebene die Ergebnisse kommuniziert und verbreitet werden können. Das Projekt ist als Modell zur Fachkräftegewinnung in der Pflege auch auf andere Kommunen oder für andere Fachseminare der Altenpflege übertragbar und die Ergebnisse lassen sich jetzt gut für den landesweiten Transfer aufbereiten.

Bonner Verein für Pflege- und Gesundheitsberufe e.V.

Interview mit Projektteilnehmerin – Mentorin für den Altenpflegeberuf