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Alleinerziehende unterstützen - Interview

"Für Unternehmen sind Mitarbeiter mit Kindern die entscheidende Zielgruppe"

BEAU - Berufliche Eingliederung Alleinerziehender aus Unternehmenssicht: Die Studie befragte Personalverantwortliche aus Unternehmen im Oberbergischen Kreis nach der Beschäftigung von Alleinerziehenden, insgesamt nahmen 24 Unternehmen unterschiedlicher Branchen und Größe teil. Die Studie ergänzt eine erste Untersuchung, in der Alleinerziehende ihre Lebenssituation und ihre Wiedereinstiegserfahrungen schildern. Professor Siegfried Stumpf, Direktor des Betriebswirtschaftlichen Instituts an der Fachhochschule Köln, Campus Gummersbach, erläutert im Interview die zentralen Ergebnisse der Unternehmensbefragung.

 

Herr Professor Stumpf, Sie haben Unternehmen im Oberbergischen Kreis nach der Beschäftigung von Alleinerziehenden befragt. Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen? Sind die Vorbehalte tatsächlich so erheblich, wie die Ergebnisse der Vorgängerstudie nahelegen?

Professor Siegfried StumpfZunächst muss man klar sehen: Die Alleinerziehenden tauchen als besondere Zielgruppe in den Unternehmen nicht auf. Es gibt auf betrieblicher Ebene kaum statistische Zahlen dazu. Daher wissen die befragten Unternehmen und Personalverantwortlichen nur sehr vage, wie viele Alleinerziehende bei ihnen arbeiten. Die entscheidende Kategorie sind Mitarbeiter oder noch genauer Frauen mit Kindern. Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf richten sich folglich ganz generell an beschäftigte Mitarbeiter – insbesondere Frauen - mit Kindern. Die Haltung ist die: Was Mitarbeitern mit Kindern nützt, muss auch Alleinerziehenden nützen. Dass Alleinerziehende keine relevante Zielgruppe sind, hat möglicherweise damit zu tun, dass Unternehmen ihren Beschäftigungsbedarf anderweitig decken können und deshalb der „Leidensdruck“ einfach nicht groß genug ist. Dass Alleinerziehende bei Arbeitgebern ein besonders Imageproblem haben, wie ein Befund der ersten Studie nahelegt, lässt sich so nicht bestätigen.

 

Es gibt also weitaus mehr positive als negative Erfahrungen, wenn Unternehmen Alleinerziehende beschäftigen?

In unserer Befragung hat kein einziges Unternehmen von schlechten Erfahrungen mit Alleinerziehenden berichtet. „Horrorszenarien“ wie lange Ausfallzeiten oder mangelndes Engagement kamen nicht vor. Den befragten Personalverantwortlichen fallen entweder keine Unterschiede zwischen Alleinerziehenden und anderen Mitarbeitergruppen ein. Oder aber sie stellen die positiven Erfahrungen und Eigenschaften heraus, die Alleinerziehende sich auch selbst zuschreiben: Ausgeprägte Organisationskompetenz und gutes Zeitmanagement, hohe Einsatzbereitschaft, effizientes und strukturiertes Arbeiten. Alles Fähigkeiten, die man durch die Doppelverantwortung lernen kann. Personalverantwortliche und von uns befragte Alleinerziehende geben sogar eine fast identische Persönlichkeitsbeschreibung ab, diese Übereinstimmung hat mich überrascht.

Interessant ist auch ein anderer Befund. Alleinerziehende, wie überhaupt alle Mitarbeiter mit Kindern, brauchen häufig vom Arbeitgeber ein größeres Entgegenkommen, wenn beispielsweise ein Kind erkrankt und sie wegen fehlender Betreuung rigoros Überstunden ablehnen müssen. Ein Teil der befragten Unternehmen nimmt darauf aber gerne Rücksicht. Denn sie wissen, dass die Mitarbeiterinnen das doppelt zurückgeben. Das heißt: Die Alleinerziehenden wissen um die Vergünstigung und geben das durch stärkeres Engagement zurück. Sie sind, wie Unternehmen berichten, dann besonders engagiert und zuverlässig …

 

Trotz der guten Erfahrungen tun sich Unternehmen aber weiterhin schwer, mehr Alleinerziehende einzustellen. Überwiegen am Ende doch die vermeintlichen Risikofaktoren?

Eingeschränkte zeitliche Flexibilität und das prinzipielle Risiko von längeren Ausfallzeiten sind aus Sicht der Unternehmen eindeutige Nachteile – trotz der positiven Erfahrungen. Deshalb haben es Alleinerziehende sicherlich schwerer, bei Stellenbesetzungen berücksichtigt zu werden. Meines Erachtens ist das aber nicht unbedingt ein Widerspruch, man kann das vielmehr als eine Art von Rationalität erklären, die in jedem Unternehmen steckt. Auch wenn es im Regelfall mit Alleinerziehenden gut läuft, dann muss das noch lange nicht auf den konkreten Einzelfall zutreffen. Unternehmen wollen sich absichern und da läuten dann trotzdem bei einer möglichen Einstellung von Alleinerziehenden die Alarmglocken, etwa in dem Sinne: Generell haben wir zwar keine Probleme mit allein erziehenden Mitarbeitern, aber wird das auf für die konkrete Person gelten, die jetzt vor mir sitzt? Unternehmen schauen auf die Qualifikationen und nur wenn alles passt, wird eingestellt.

 

Mit Blick auf die Befragungsergebnisse, worauf kommt es an, wenn Alleinerziehende sich erfolgreich bewerben wollen?

Der Job muss zum Fähigkeitsprofil passen und die erforderlichen Qualifikationen müssen vorhanden sein, das ist das A und O. Alleinerziehende sollten sich vorab aber auch sehr genau überlegen: In welchem Ausmaß will und kann ich arbeiten, welche Flexibilitätsmöglichkeiten habe ich, auf welche privaten Netzwerke kann ich zurückgreifen. Es ist wichtig, diese Fragen frühzeitig zu klären, aktiv Lösungen zu entwickeln und diese dem Unternehmen zu kommunizieren. Das Unternehmen weiß dann, wo es dran ist und erhält zugleich einen Beleg für die Organisationsfähigkeit der Bewerberin. Alleinerziehende können sich aber keineswegs auf die allgemein positiven Erfahrungen berufen. Sie müssen die Alarmleuchte „Vorsicht Alleinerziehende“ ausknipsen, indem sie ganz konkret dem Arbeitgeber zeigen, welche Kompetenz und Flexibilität sie mitbringen. In der Bewerbungssituation liegt die Belegpflicht bei ihnen und nicht umgekehrt.

Wie erfolgreich eine Bewerbung sein kann, hängt auch vom jeweiligen Arbeitsplatz ab. In unserer Befragung wurden sowohl einfache Aufgaben als auch qualifizierte Fachaufgaben als Tätigkeitsfelder von Alleinerziehenden genannt. Ganz skeptisch sind Unternehmen, wenn es um Führungsaufgaben geht. Dies geht offenbar nur in Einzelfällen. Führungstätigkeiten sind häufig weniger planbar und erfordern Überstunden. Das macht die Vereinbarkeit von Familie und Beruf schwierig, gerade für Frauen mit Kindern, die eine hohe Planbarkeit brauchen. Es kommt aber auf die Branche an. Ein Führungsjob für Alleinerziehende ist in öffentlichen Institutionen oder Behörden vermutlich eher denkbar als in anderen wirtschaftlichen Bereichen.

 

Familienfreundliche Arbeitsbedingungen sind ein wichtiger Faktor für die Beschäftigung von Alleinerziehenden. Wie sieht hier die Lage aus?

Die Unternehmen in unserer Stichprobe bemühen sich um Vereinbarkeitsmaßnahmen. Weit verbreitet sind flexible Arbeitszeitmodelle, Teilzeitarbeitsplätze, genutzt wird auch Telearbeit, wo die Mitarbeiterinnen von zu Hause aus arbeiten. In einzelnen Organisationen gab es sogar einen Betriebskindergarten. Kleinere Unternehmen bieten häufig maßgeschneiderte Einzellösungen für bewährte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an, wenn sie ein Kind bekommen. Oft haben die Unternehmen viel investiert und wollen deshalb die Fachkraft halten und kindbedingte Ausfallzeiten möglichst gering halten. Maßnahmen allein nützen allerdings noch wenig und müssen getragen und gelebt werden. Das hat viel mit Dialog und Verständnis zu tun - im Sinne einer familienfreundlichen Unternehmenskultur.

 

Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind laut Studie vergleichsweise weit verbreitet. Alleinerziehende-Verbände sehen das kritischer. Was erwidern Sie darauf?

Es ist keine repräsentative Untersuchung für den Oberbergischen Kreis. Wir hatten jedoch einen breiten Mix von Unternehmen dabei, darunter Unternehmen, die ein Gütezertifikat „Familienfreundliches Unternehmen“ haben, aber auch einige, die keinerlei spezielle Vereinbarkeitsmaßnahmen anbieten oder anstreben. Ich denke, wir hatten insgesamt keine untypische Stichprobe. Die Alleinerziehenden-Verbände waren überrascht, dass wir das Imageproblem oder die Vorbehalte von Unternehmen gegenüber Alleinerziehenden so nicht bestätigen konnten. Ich denke, das hat irritiert. Nach den Ergebnissen der zweiten Studie zeigt sich die Situation in einem differenzierten Licht. Deshalb wollen wir in einer dritten Untersuchung auf scheinbare Widersprüche näher eingehen und eine fundierte Gesamtinterpretation erarbeiten. Wir wollen die Erkenntnisse vertiefen und darüber mit beiden Gruppen noch einmal ins Gespräch gehen.

 

Was sind Ihre Empfehlungen, um Unternehmen stärker für die Gruppe der Alleinerziehenden aufzuschließen? Was brauchen Unternehmen? Welche Unterstützung können Kommunen und Netzwerk W-Partner geben?

Nach den Ergebnissen der zweiten Studie würde ich mir von einer Imagekampagne, wie wir sie nach der ersten Untersuchung auch empfohlen haben, nicht allzu viele Effekte erwarten. Solche Kampagnen sorgen für eine Grundaufklärung. Aber sie stülpen das Weltbild von Unternehmen nicht um. Wichtiger ist es, Unternehmen darin zu stärken, Maßnahmen zur Vereinbarkeit einzuführen. Arbeitszeitflexibilität, Teilzeitarbeit, Home Office, darin sollten Unternehmen weiter investieren. Dafür brauchen sie Beratung und Unterstützung. Nach wie vor wichtig und zentral ist der Ausbau von flexiblen und qualitativ hochwertigen Kinderbetreuungsangeboten. Auf der Wunschliste der Unternehmen steht das auch ganz oben. Überhaupt nicht wichtig waren dagegen Eingliederungshilfen oder Zuschüsse. Die Unternehmen stellen sich auf Standpunkt, wir stellen niemanden ein, nur weil wir einen Zuschuss bekommen. Sie wollen Mitarbeiter, die hundertprozentig passen, dann sind sie auch bereit, die vollen Arbeitskosten zu tragen.


Interview Birgit Meding, Redaktion Cornelia Schlebusch
 
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